Mittwoch, 18. März 2015

Auf der dunklen Seite der Geschichte

Auf der dunklen Seite der Geschichte


Auf einer Veranstaltung des amerikanischen Think Tanks Stratfor offerierte deren Gründer George Friedman seinem Publikum jüngst eine recht prosaische Analyse amerikanischer Politik. Es sei die Politik eines Empire. Friedman ist nicht irgendein Politikberater und Stratfor nicht irgendein Think Thank. Seit 1996 gehört Stratfor zu den einflussreichsten Think Tanks der USA. Regierungsstellen, Medien und Großunternehmen gehören zu seinen Kunden. Friedman verstand dies nicht als eine Kritik, sondern als einen nüchternen Befund. Es ist in jedem Fall ein Tabubruch.

Die Frage, ob die USA ein Empire sind oder nicht, wird seit Jahren heftig diskutiert. Ich erinnere mich noch gut an eine Konferenz über die Geschichte von Imperien in San Francisco vor gut 10 Jahren. Damals bewegte diese Frage meine amerikanischen Kollegen sehr. »Diese Debatte«, warf ich ein, »erinnert ein bisschen an die Sowjetunion Mitte der Achtziger, als russische Intellektuelle über Afghanistan stritten. Ein Freund sagte damals: Nun sind wir auf der dunklen Seite der Geschichte.«

Mein russischer Freund spielte damit auf George Lucas Star Wars an, in dem ein finsterer Senator zum Imperator wird. Eine fingierte Bedrohung dient dabei als ein Vorwand, um Demokratie durch Alleinherrschaft zu ersetzten. 2005, in San Francisco, konnte ich die Brisanz dieser Frage durchaus nachvollziehen. Für die Amerikaner war Imperialismus lange Zeit ein Schimpfwort. Sie stand für eine dunkle Epoche europäischer Geschichte. Nicht umsonst erinnern die Uniformen der imperialen Truppen bei Star Wars an die deutscher und habsburgischer Militärs, tragen die Chargen des Empires Adelstitel.

Seit dem Aufstieg Amerikas zur Weltmacht gehörte die Kritik an den europäischen Imperien nicht nur zum Repertoire Hollywoods, sondern auch zum guten Ton seiner politischen Eliten. Bis heute sehen die USA im anti-kolonialen Widerstand gegen die Briten einen wichtigen Gründungsmythos ihrer Nation. Nach dem Ersten Weltkrieg formulierte Woodrow Wilson eine vernichtende Kritik an der europäischen Kolonialordnung. Den »Wilsonian Moment« nannte der amerikanische Historiker Erez Manela diese Zeit als Wilsons Vision einer Weltordnung von Nationen die Intellektuellen Afrikas und Asien begeisterte. Roosevelt folgte ihm nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Atlantic Charta schien vielen Kolonisierten als ein Fahrplan zur Dekolonialisierung.

Die USA knickten nach beiden Weltkriegen vor den Interessen ihrer europäischen Bündnispartner ein und erfüllten kaum die Hoffnungen, die die Kolonisierten in sie setzten. Zu ihren Verbündeten gehörten mit Frankreich, Portugal und Großbritannien drei Kolonialmächte, Europa war wichtiger als Asien und Afrika. In beiden Fällen war Russland ein wichtiger Grund, die anti-kolonialen Ambitionen fallen zu lassen. Zumindest aber machten sie nicht den Fehler Stalins, der nach dem Zweiten Weltkrieg eine mehr oder weniger offene imperialen Ordnung in Osteuropa implantierte. Mehr noch, die USA waren entscheidend für die Etablierung einer Nachkriegsordnung, die den Ausbruch eines weiteren Krieges in Europa zu verhindern half und Kolonialismus in die Rumpelkammer der Geschichte verbannte. Die 1945 in San Francisco gegründete UNO war eine wichtige Agentur für die Dekolonialisierung Asiens und Afrikas.

Nicht immer hielten sich die Amerikaner an die hehren Ziele und Werte dieser von ihnen mit geschaffenen Weltordnung. Außerhalb Europas gerieten die USA zunehmend in die Kritik: Vietnam wurde von den 68ern und einer Reihe von Ländern der Dritten-Welt-Bewegung als ein imperialistischer Krieg gesehen. Diese Sicht war sicher zu einem Teil von Lenins Kapitalismuskritik inspiriert, sie hatte dennoch einige Berechtigung. Die USA hatten den Krieg von den abziehenden Franzosen geerbt, er begann und wurde geführt als klassischer Kolonialkrieg. Die militärische Unterstützung des NATO-Partners Portugal, der bis 1975 nicht bereit war, sein Kolonialreich aufzugeben, desillusionierte vor allem die Afrikaner. Im Kalten Krieg war die Grenze zwischen Geopolitik und Imperialismus hauchdünn.

Friedman zitiert erstaunlich oft das britische Empire als Referenz. Anders als eine große Mehrheit der Historiker sieht er in diesem letzten und größten Imperium der Weltgeschichte nichts, was einer kritischen Hinterfragung bedarf, vielmehr dient es ihm als Vorbild. Die Frage sei gestattet: wofür?
Für die Verbreitung westlicher Ideale von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung oder für eine bisweilen diplomatisch sehr geschickte, oft aber brutale Durchsetzung britischer Interessen und Wertvorstellungen, zu deren Grundwerten Rassismus und Autokratie gehörten?

Seit dem Ende des Kolonialismus in den 1960igern hat die Forschung das Bild vom britischen Empire grundlegend revidiert. Das Selbstbild seiner Befürworter und nostalgischen Verehrer, die Völker Afrikas und Asiens mit Schulen, Eisenbahnen und dem Westminister-Parlamentarismus beglückt zu haben, ist dem nüchternen Befund über die dunklen Seiten dieses Fortschrittsprojekts gewichen.

Der Kampf gegen die Sklaverei, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Legitimation für Londons Expansion nach Afrika und Asien bildete, endete für die Kolonialisierten oft genug nicht in der Freiheit, sondern in blutigen Kriegen und in Zwangsarbeit. Mit den Briten kamen nicht Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, sondern eine unheilige Allianz von autokratischer Politik und technokratischer Herrschaft. Demokratische Traditionen afrikanischer Gesellschaften wurden der Loyalität örtlicher Despoten geopfert. Britische Kolonialpolitik folgte dem Paradigma der Rentabilität. Nur wenig wurde in die Infrastruktur der Kolonien investiert, die wirtschaftliche Entwicklung ganz auf die Bedürfnisse der Metropole ausgerichtet. Großangelegte Entwicklungsprojekte wie das berüchtigte Erdnussanbauprojekt in Tansania oder das Gezira Bewässerungsprojekt im Sudan endete in wirtschaftlichen und ökologischen Desaster.

Noch immer korrigieren Historiker die Opferzahlen britischer Kolonialkriege nach oben. Der letzte Kolonialkrieg der Briten in Afrika, die Niederschlagung der Mau-Mau-Rebellion in Kenia in den 1950ern, kostete nicht, wie die offiziellen Zahlen lange angaben, Tausenden Afrikanern das Leben, sondern Zehntausenden, wenn nicht Hunderttausenden. Mehr als eine Million Kenianer wurden in Lagern zusammengepfercht, wo Folter, Vergewaltigungen und Sklavenarbeit an der Tagesordnung waren.

25 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges scheint Amerika an einem Scheidepunkt. Besinnt es sich auf die anti-kolonialen Traditionen seiner Gründerväter oder tritt es in die Fußstapfen des britischen Empire? Soll Amerika die Nachkriegsordnung der Welt, die sie selbst geschaffen hat, seinen geopolitischen Ambitionen opfern oder dem Weg eines wohlwollenden Hegemonen folgen: ein Selbstverständnis, dem die USA ihre heutige Stellung in der Welt verdanken. Friedmans Sicht auf das britische Empire mag eher oberflächlich sein, aber schon heute ähnelt Amerika mit seinen hunderten Militärbasen weltweit dem britischen Empire auf eine frappante Weise. Aber er weiß, dass das Empire einer zynischen und unmoralischen Politik bedarf, er sagt es selbst.



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